Die Entwicklung des Birkhuhn-Bestandes zwischen 1965 und 1981 im Dreiländereck um Aachen

von Dr. Helmut Klußmann

 

"Die rheinischen Birkwildvorkommen sind auf die westlichen Grenzgebiete beschränkt und stehen im Zusammenhang mit den niederländischen und belgischen Beständen" schrieb H. HUBATSCH bereits 1970 in CHARADRIUS, Heft 2.

 

Das 1938 (E. KNORR) noch enge Netz der Birkwildreviere ist lange zerrissen, und isolierte Brutvorkommen des rheinischen Birkwildes verschwanden im Aachener Raum bis 1971. Deshalb werden in diese Übersicht auch niederländische und belgische Landesteile bis etwa 30 km westlich der deutschen Grenze mit einbezogen.

 

Da Birkwild in Niederländisch Limburg

 

Der Gesamtbestand wurde in den Niederlanden 1965 auf 3.000 Vögel und 1971 auf reichlich 1.500 Exemplare geschätzt. In der Provinz Limburg ist das Birkhuhn von 1965 bis 1971 am stärksten zurückgegangen, während im benachbarten Nord-Brabant die Zahl der Birkwildreviere und ihr Besatz ziemlich stabil blieben.

 

Für 1976 wird ein Landesbestand von 400 bis 460 balzenden Hähnen bei insgesamt etwa 1.000 Vögeln genannt. In Limburg sind 1976 die 15 bis 25 balzenden Hähne noch 5 % der Landespopulation. Die ungenauen Zahlenangaben für Limburg schließen Doppelzählungen nicht aus, weil die Provinzgrenze Limburg / Nord-Brabant das Peelgebiet (und auch das Naturreservat "De Groote Peel") mit seinem Birkwild-Bestand teilt.

balzende Hähne            
  1965 1971 1976 1977 1978 1979
Limburg ? ? 15 - 25 6 8 8
Nord-Brabant ? ? 120 - 130 122 115 95
NL gesamt 3.000 > 1.500 400 - 460 284 250 175

Nach UMMELS (brieflich) ist seit 1980 das Birkhuhn als Brutvogel in Limburg verschwunden. Einzelvögel werden noch on der Ospel'schen Peel gesehen.

 

Das frühere Birkwildgebiet Brunssumer Heide, nördlich von Heerlen, ist inzwischen ein etwa 4 qkm großes Naherholungsgebiet, eingemauert von den umliegenden Ortschaften, mit Pflanzungen, Weihern, Spazierwegen, Sportplätzen und vielen Menschen.

Das Birkwild in Belgisch Limburg

 

Wenig westlich der Maas (hier belgisch-niederländische Grenze) liegen in der belgischen Provinz Limburg die Naturschutzgebiete Mechelner Heide (388 ha, seit 1967) und 4 km südlich Rekem (147 ha, seit 1970). Für diese Gebiete wurde der Birkhuhn-Bestand von 1971 bis 1979 getrennt dargestellt. Wegen der Nachbarschaft der beiden Biotope folgt eine zusammenfassende Tabelle:

  1971 72 73 74 75 76 77 78 79
Hähne                  
Mechelner Heide 51 38 34 35 15 14 7 4 2
Rekem 10 16 11 14 12 4 2 2 2
Hähne gesamt 61 54 45 49 27 18 9 6 4
                   
Hennen                  
Mechelner Heide 30 23 12 29 12 6 2 3 3
Rekem 37 14 6 6 10 1 2 1 6
Hennen gesamt 67 37 18 35 22 7 4 4 9
                   
Summe 128 91 63 84 49 25 13 10 13

Bei einer Exkursion nach Rekem haben wir im Februar 1972 noch 38 Birkhühner gezählt.

 

Zwischen beiden Schutzgebieten wurde vor 1975 die Autobahn E 39 (Stein-Lummen) fertig. Im Westen vom Rekem entstand ein Flugplatz. Die Birkwildbiotope sind durch Straßen, Parkplätze und Wanderwege für die Naherholung erschlossen. Der Besucherdruck in diesen schönen Gebieten ist stark angestiegen.

 

So müssen wir in diesen bedrängten Gebieten einen dramatischen Rückgang des Birkwildes beklagen, während sich im Zentrum des Hohen Venns der trockene Sommer 1976 noch bestandsfördernd auswirken konnte.

 

Nach ROSKAMS (brieflich) ist die Population zur Zeit auf einzelne Exemplare geschrumpft, und man kann nicht mehr von einem echten Bestand sprechen. ROSKAMS nimmt an, daß durch Biotopveränderungen, Tourismus, Pestizide u.a. das Birkhuhn in wenigen Jahren nicht nur in diesen Schutzgebieten, sondern in ganz Belgisch Limburg ausgerottet ist.

 

Das Birkwild im belgischen Hohen Venn (Provinz Lüttich)

 

In diesem Hochmoor wurde das staatliche Naturreservat "Hohes Venn" von 1957 bis jetzt auf etwa 4.000 ha ausgeweitet. Hier konnten von 1967 bis 1978 durch RUWET und FONTAINE etwa 30 Balzplätze untersucht sowie die balzenden Hähne gezählt und differenziert werden. Zur Erläuterung der Bestandsentwicklung seien aus der vorzüglichen Arbeit einige Fakten wiedergegeben:

 

In den sechziger Jahren wurde das Birkwild dezimiert, und man befürchtete seine Ausrottung. 1964, nach der Ausweitung des Naturschutzgebietes, scheint der Bestand weniger gefährdet, obgleich die Hähne noch bis 1967 aus Ansitzhütten am Balzplatz bejagt werden. 1968 erfolgt eine intensive Fuchsbejagung und Baubegasung zur Verminderung der Tollwutgefahr. Nach sehr geringem Fuchsbestand in 1969 und 1970 nehmen die Füchse, besonders in den nordöstlichen (grenznahen) Venngebieten wieder zu. 1968 und 1969 waren Mai und Juni trocken und sonnig. Aus diesen Faktoren resultiert eine allgemeine Birkwildzunahme von 1967 bis 1971. Im Winter 1971 / 72 wurde ein Maximum von etwa 200 Hähnen im Schutzgebiet gezählt, aber ab März 72 starben viele der aktiven Platzhähne (Erschöpfung, Streß?). Der Bestandsrückgang bis 1976 wird teilweise durch das allmähliche Ausscheiden der 68 / 69 geborenen Hähne ohne Ausgleich durch Nachwuchs erklärt. 1976 war im trockenen Sommer wieder ein gutes Brutjahr. So zeigt sich 1977 vermehrter Balzbetrieb, bewirkt durch Zustrom junger Hähne. Die Zunahme ist um Baraque Michel überall zu beobachten, sie ist auch spürbar im (gesperrten) Militärgebiet bei Elsenborn, fehlt aber völlig im nordöstlichen Venn. Vielleicht kann man diesen deutlichen Unterschied dadurch erklären, daß die traditionellen, sehr regelmäßig benutzten Balzplätze heute im Zentrum des Schutzgebietes liegen, und die zeitweilig oder unregelmäßig benutzten Plätze in den Randgebieten oder Satelliten-Vennen nur bei großer Bevölkerungsdichte besucht werden.

 

Leider wurde die Arbeit von RUWET und FONTAINE nach 1978 abgeschlossen, obwohl noch viele Fragen offen blieben und weitere Zählungen nötig wären. Auch von anderer Stelle wurde in den letzten Jahren nicht systematisch beobachtet. Nach Schätzungen hat sich der Birkwildbestand im Zentrum des Schutzgebietes bis 1981 halten können (FONTAINE fernmündlich). W. PFEIFFER schreibt von starkem Rückgang im gesamten Gebiet durch Beunruhigung, außer etwa gleichen Zahlen im militärischen Sperrgebiet Elsenborn und von mindestens 6 "Paaren" im Brachvenn (1978: 3 Hähne). Von deutschen Ornithologen sind aus den letzten drei Jahren nur Einzelbeobachtungen zu erfahren, die für eine Schätzung der belgischen Bestände nicht ausreichen.

 

Deutsche ehemalige Birkwildbiotope im Raum Aachen

 

Die Teverener Heide, im Südwestzipfel des Kreises Heinsberg, liegt in Nähe der vorgenannten niederländischen Brunssumer Heide. Hier ist nach 1967 (siehe: HUBATSCH in CHARADRIUS Bd.6, Heft 2) kein Birkwild mehr beobachtet worden. Heute ist dieses Gebiet Militärflugplatz, Fichtenforst und Kiesabbaugebiet.

 

Der Struffelt, zwischen Rott und der Dreilägerbachtalsperre, wurde vor 1965 mehrfach von Birkwild besucht, wenn der Fichtenbewuchs der Kuppe wieder einmal abgebrannt war. Heute bieten die Vennreste zwischen den Waldparzellen für Birkwild keinen Lebensraum.

 

In unmittelbarer Nachbarschaft zum belgischen Hoscheit, dessen Vennflächen zum Teil zum Naturschutzgebiet "Hohes Venn" gehören, liegen das Wollerscheider und das Paustenbacher Venn. Auf belgischer Seite waren die Vennflächen schon vor Jahren durch Büsche und hohen Bewuchs wenig übersichtlich. Vielleicht hat aus diesem Grunde das Birkwild zur Balzzeit die offenen Gebiete in der deutschen Nachbarschaft aufgesucht. Schon damals hat Birkwild nicht in dem kleinen NSG Wollerscheider Venn gestanden, sondern nördlich davon auf Weideflächen. Auch war vor 10 Jahren noch das Paustenbacher Venn viel großräumiger als heute Feuchtwiesen- und Heidefläche. Hier sind, östlich der Kall, inzwischen Fichtenbestände gewachsen. Birkwild balzte zu Beginn der siebziger Jahre unmittelbar neben der Grenze (Vennbahn) bis zur jetzigen K 20 im Streifen zwischen Siedlung Hoscheit und Paustenbach. Von den Feuchtwiesen in Nähe der Kall sind 1977 drei kleine Gebiete unter Schutz gestellt worden. Aus botanischen Gründen und wegen der Braunkehlchenvorkommen sind aber die Grenzertragsböden des oberen Kalltals (Preis vor wenigen Jahren 10 Pfennig / qm) durchweg schutzwürdig. Deshalb wurde dieses potentielle Schutzgebiet im Oktober 1981 vom DBV Aachen der Unteren Landschaftsbehörde des Kreises vorgeschlagen, als Ersatzmaßnahme für den Landschaftseingriff der Wehetalsperre. Im Umfeld des NSG Wollerscheider Venn sind die landwirtschaftlichen Nutzflächen durch das 1981 abgeschlossene Flurbereinigungsverfahren Lammersdorf mit Anlage neuer Wege, Pflanzungen und Gräben neu strukturiert worden. Im Rahmen dieses Verfahrens wurde auch eine rechteckige Weidefläche im Südosten des NSG Wollerscheider Venn mit Landesmitteln angekauft und hoffentlich 1982 als erweitertes NSG sichergestellt.

 

Mit Birkwildvorkommen oder gar Besiedlung in diesen deutschen Grenzflächen ist nur zu rechnen, wenn die Biotope erhalten werden, und nach günstiger Entwicklung des belgischen Bestandes der Populationsdruck sich bis über die Grenze hinaus auswirken kann.

 

Im Gemeinderevier Kalterherberg bestanden vor 1950 Vennflächen, die - zusammen mit dem damals noch großen Vennland auf belgischer Seite zwischen Hahnheister und Pannensterz - sich südlich an das Brackvenn anschlossen, und von Birkwild besiedelt waren. Obwohl im deutschen Revierteil ab 1950 Fichten gepflanzt wurden, hat dort noch zumindest bis 1970 Birkwild gebalzt. Mitte der sechziger Jahre balzten auch 2 bis 3 Hähne in den Wiesen des Platten Venns, östlich von Hahnheister. Heute ist - auch auf belgischer Seite - das Vennland einem geschlossenen Bestand von Dickungen und Stangenhölzern gewichen, die im Kalterherberger Wald die Parzellen 40, 41 und 42 bilden.

 

Das Birkwild im Kreis Aachen

 

Im Kreis Aachen (bzw. im alten Kreis Monschau, der nach der kommunalen Neugliederung 1972 in den Kreis Aachen aufging) hat niemand Birkwild-Bestandszahlen notiert. Vom Kreisjagdamt waren die letzten Birkhahnabschüsse zu erfahren: 1955 3, 1956 1, 1958 1, 1961 1. Nach dem Birkwildaufsatz von H. HUBATSCH im CHARADRIUS 1970 habe ich mich hier umgehört und die Angaben brieflich an HUBATSCH weitergeleitet. So muß ich, als älteste und hoffentlich verläßlichste Quelle, meine Korrespondenzablage zitieren. Im August 1970 erfuhr ich telefonisch vom Kreisjagdamt (damals Monschau), daß der Birkwildbestand des Kreises für 1970 auf 25 Stück geschätzt wurde. Für das Revier Simmerath wurden 20 und für das Revier Kalterherberg 5 Tiere genannt, ohne Gliederung in Hähne und Hennen. Man verwies mich an Herrn HEINR. NATHAUS, der als Berufsjäger seit 1965 den Simmerather Wald betreute. Oberjäger NATHAUS sagte mir im Oktober 1970, daß er ab 65 zunächst nur vereinzelt Birkwild gesehen habe. Bei konsequenter Fuchsbejagung und Biotopverbesserung (Buchweizenäcker) habe sich der Bestand in seinem Revier auf etwa 30 Exemplare erhöht (Geschlechterverhältnis etwa 1 : 1). Er habe bei Lammersdorf (nördlich des NSG) schon auf einem Platz 8 balzende Hähne und außerhalb der Brutzeit Versammlungen bis zu 24 Stück gesehen. Gelege bzw. Jungvögel wurden nicht gesehen. UDO BICK schreibt in DECHENIANA 130, 61 - 76 für die Zeit bis 1975: "Nach Nathaus nahm der Bestand bei Lammersdorf von 1967 (1 Hahn, eine Henne) bis 1970 (15 Hähne, 17 Hennen) stark zu; seitdem stetiger Rückgang."

 

Spätere Angaben von NATHAUS, die aus dem Gedächtnis niedergeschrieben wurden, sagen ebenfalls, daß nach der Erstbeobachtung eines balzenden Hahnes in 1967 (66?) die Beobachtungszahlen bis 1970 (71?) ansteigen und dann kontinuierlich fallen.1980 sind zuletzt 2 balzende Hähne im Paustenbacher Venn gesehen worden. Bis 1969 waren nur die Wiesen nördlich des Wollerscheider Venns Balzgebiet, danach (Beunruhigung?) auch das Paustenbacher Venn, wo ab 1973 ausschließlich Balzbetrieb war.

 

1970 wurd ein Hahn am Hang der Weißen Wehe bei Germeter gesehen (P. SPIERTZ), wenig später ein Hahn bei Raffelsbrand (U. BICK). Aus dieser Zeit datieren auch Einzelbeobachtungen in Nähe der B 258 zwischen Konzen und Rothe Kreuz.

 

Von Oberförster BECKMANN, damals Rothe Kreuz, erfuhr ich von der Beobachtung einer Birkhenne mit Jungen im Sommer 1971 nahe der Girvelscheider Schneise. Von Balz im Revier Rothe Kreuz war nichts zu erfahren. Der nächste mir bekannte Balzplatz liegt etwa 5 Kilometer südwestlich im Truppenübungsplatz Elsenborn.

 

Aus dem Revier Kalterherberg sind, außer der genannte Schätzung von 5 Exemplaren in 1970, keine Zahlen bekannt. Der frühere Revierförster KRUSE ist tot. Die mir bekannten Gewährsleute berichten aus der Zeit vor 1965.

 

Zusammenfassung

 

Das Birkwildvorkommen im Kreis Aachen steht "in Zusammenhang mit den niederländischen und belgischen Beständen". Im Limburgischen ist das Birkwild nahezu ausgestorben. Im Hohen Venn leben noch mindestens 50 Hähne. Im Kreis Aachen haben letztmalig 1980 zwei Hähne gebalzt im Wiesenland des Paustenbacher Venns, das dem belgischen Vennrest Hoscheit unmittelbar benachbart ist. Es ist in den letzten Jahrzehnten nur eine Brut bekannt geworden, 1971 in Nähe der Girvelscheider Schneise im Revier Rothe Kreuz (die letzte Brut im Rheinland?).

 

Für ein Biotop besteht noch die Möglichkeit, bei hohem Populationsdruck aus Belgien wieder von Birkwild besiedelt zu werden: das Paustenbacher Venn im obersten Kalltal. Dieses auch aus floristischen Gründen schützenswerte Gebiet mit sauren Grenzertragsböden kann als Ausweitung der Naturschutzflächen im belgischen Hoscheit gesehen werden.

 

Ein besserer, grenzüberschreitender Birkwildschutz ist anzustreben.

 

Stolberg, November 1981

(Quelle: Manuskript aus dem Naturschutz-Archiv von Wolfgang Voigt, für das Internet aufbereitet)

 

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